Die Mistelhexe
Neckarweihingen ist ein ehemals evangelisch geprägter Ort, wo die Fastnacht (schwäbisch-alemannisch ausgesprochen: Fasnet) aufgrund des christlich-katholischen Hintergrundes (das Einläuten der 40-tägigen Fastenzeit bis Ostern) bisher keine Tradition hatte. Anno 1983 hatten zwei Bewohnerinnen aus Neckarweihingen, die beide aus Südbaden stammen, die Idee, den schwäbisch-alemannischen Brauchtum auch in Neckarweihingen zum Leben zu erwecken. Man einigte sich auf die Figur der Hexe.
In Zusammenarbeit mit dem Bildhauer Walter Sack aus Ludwigsburg wurde die Holzmaske der Mistelhexe entworfen. Dabei entwarf er eine siebenteilige Maske aus Lindenholz, die bis zum heutigen Tag in der schwäbisch-alemannischen Fasnet einzigartig ist.
Da Ludwigsburg einen großen Baumbestand mit vielen Mistelzweigen besitzt, kam man auf das Symbol der Mistel, die ja schon in vergangener Zeit als Heilpflanze entdeckt wurde.
In früheren Zeiten war es üblich, das die älteren Frauen, auch Kräuterweiber genannt, von Haus zu Haus zogen um ihre Mittelchen, die sie zum Teil aus der Mistel gewonnen hatten, an die Frau bzw. den Mann zu bringen, um damit deren Zipperlein zu heilen. Oftmals blieb es auch nicht aus, dass die Kräuterweiber wegen ihres naturellen Wissens auch als Hexen beschimpft wurden.
Nachdem man einige Mitglieder für diese Idee gewinnen konnte, wurde ein mit Mistelzeigen besticktes Hexenhäs entworfen und somit war die „Mistelhexe“ geboren. Das Häs der Hexe besteht aus einer grünen Bluse, roter Schürze, rotes Maskentuch die jeweils mit Mistelzweigen bestickt sind. Dazu kommen noch ein schwarzer Rock, eine weiße lange Pluderhose, rot-weiße Ringelsocken, Strohschuhe oder schwarze Halbschuhe, rote Handschuhe und ein rotes Halstuch sowie der Reisigbesen.An Bluse, Schürze, Maskentuch und Zöpfen der Hexe befinden sich kleine Glöckchen. Besonders ist auch, dass die aus Lindenholz bestehende Maske von jedem Mitglied, unter der Anleitung des Schnitzmeisters, selbst gefertigt wird! Die 7 Maskenteile werden am Ende mit Lederriemen zusammengehalten.
Es ist nicht nur ein Mythos, sondern eine Tatsache, dass an jeder Maske Blut klebt. Wir kennen kein Mitglied, dass sich nicht in zumindest einen Finger geschnitzt hätte. Nach so viel mühsamer und aufopfernder Arbeit, ist es kein Wunder, dass jede Mistelhexe unheimlich stolz auf ihre Maske ist – jede ist ein Unikat und für einen selbst natürlich die Schönste.
Um auch außerhalb der Fasnet aktiv sein zu können, wurde 1986 die Sommerhexe geschaffen, die in erster Linie den Tanz pflegt und bei diversen Gelegenheiten in Aktion tritt (z.B. Pferdemarktumzug). Auch die Sommerhexe trägt Tracht: Weiße Bluse – schwarzer Rock – rotes mit Mistelzweigen besticktes Schultertuch und Schürze– weiße Spitzenstrümpfe – schwarze Schuhe, sowie Körbchen und ursprünglich auch einen Biedermeierhut.
Die Sommerhexen symbolisieren und verkörpern als helfende Mitbürgerinnen das Schöne, Gute & Weise im Menschen während die Winterhexen hingegen die gequälten Seelen bzw. Geister darstellen und die sagenumwobene, mystische Bedeutung abrunden. So verschieden Sommer- und Winterhexen auch sein mögen, eine Mistelhexe tut niemals etwas böses. In der Walpurgisnacht (30. April auf den 1. Mai) findet unsere traditionelle Umwandlung der Winter- in die Sommerhexen statt. Diese Umwandlung ist im schwäbischen Brauchtum in dieser Form ebenfalls einzigartig.
Der Wechsel wird durch einen Tanz vollzogen in dem die Winterhexen vertrieben werden, sich zur Ruhe begeben und einschlafen bzw. sich in Sommerhexen verwandeln. Die Masken dürfen normaler Weise bereits seit dem Aschermittwoch bis zum 6.1. des nächsten Jahres nicht mehr getragen werden. Für diese Umwandlung gibt es vom Landesverband eine Sondergenehmigung. In den Gründerjahren wurden an der Walpurgisnacht auch die Hexen-Besen verbrannt – von diesem Brauch kam man inzwischen ab. Es wäre auch schade um die zum Teil sehr liebevoll gestalteten „Flug-Utensilien“.
An unserer Maskenputzete & Hexentaufe, die aus der alemannischen Tradition her, am 6.1 (Drei-Königs-Tag) stattfindet, erwachen die Winterhexen dann auch wieder aus ihrem tiefen Schlaf. Die Masken & die Häs werden abgestaubt und neue Hexen getauft. Als Hexe getauft werden Mitglieder, die mindestens eine Kampagne lang als aktive Hexen im Leihhäs an den Umzügen mitgewirkt haben, und die ihr eigenes Häs an diesem Termin überreicht bekommen.
Nachdem die Winterhexen erweckt wurden und somit wieder am fastnachtlichen Leben teilnehmen können, nehmen sie an verschiedenen Brauchtumstreffen und Umzügen bis einschließlich zum Fastnachts-Dienstag teil und sind mit ihrem eigenen Narren-Ruf: Mistel-Hexen, Mistel-Hexen, Mistel-Hexen inzwischen weit bekannt.
Aber auch aus Ludwigsburg sind die Mistelhexen nicht mehr wegzudenken. Seit 1984 der erste Fasnets-Umzug in Ludwigsburg-Neckarweihingen durch die Mistelhexen ins Leben gerufen wurde, und bis heute jährlich von Ihnen ausgerichtet wird, hat sich Neckarweihingen zu einer echten Fasnets-Hochburg im Landkreis Ludwigsburg gemausert.
Dieser Umzug findet immer am Sonntag vor dem Schmotzigen Donnerstag statt (also 1 Woche vor dem eigentlichen Fastnachtswochenende).
Die Mistel:
Kaum eine Pflanze hat eine vergleichbare Geschichte und derart geheimnisvolle Kräfte & Mystik wie die Mistel. Da sie zur Fasnetzeit in Blühte steht und in Ludwigsburg weit verbreitet ist, wurde sie Namensgeberin unserer Hexenzunft.
Aufgrund ihres Wuchses (die Mistel ist ein sogenannter Halb-Schmarotzer und nistet sich in den Baumkronen ein) und der ungewöhnlichen Blütezeit ist sie besonders geheimnisvoll. Die volkstümliche Bezeichnungen der Mistel sind Donnerbesen, Druidenfuß, Hexenbesen, Hexenkraut, Wintergrün, Bocksbutter, Albranken, Vogelkraut oder Kreuzholz und viele Namen mehr je nach Region und Land.
Der botanische Artname Viscum heißt soviel wie Vogelleim, da die Römer aus den klebrigen Beeren Leim herstellten. Der Begriff Viskosität als ein Maß für die Zähflüssigkeit eines Fluids geht auf den klebrigen Schleim der Mistelbeeren (Mistelleim) zurück, bedeutet also wörtlich „Misteligkeit“ oder "Leimigkeit".
Das Küssen unter aufgehängten Mistelzweigen soll dabei helfen, ein Paar zusammenzuführen.
Außerdem gibt es einen Brauch der da sagt: "unter einem Mistelzweig darf ich Küssen jederzeit". Dies wurde natürlich von den jungen Herren oftmals sehr stark ausgenutzt.
Ebenso findet der Mistelzweig eine symbolische Bedeutung in der germanischen Mythologie. Der Gott Loki tötet Balder, den Sohn Odins und Friggs, indem er dem blinden Riesen Hödr einen Mistelzweig auf den Bogen spannt und auf ihn zielen lässt. Misteln sind Balders „Achillesferse“, da alle anderen Elemente der Erde geschworen haben, dem schönen, jungen Gott nichts zu Leide zu tun.
Schon Hippokrates empfahl 400 v. Ch. den Mistelextrakt gegen Fallsucht und Milzsucht, Hildegard von Bingen empfahl die Mistel bei Lebererkrankungen, Maria Treben bei Kreislaufbeschwerden, Arbeitsunlust und Unfruchtbarkeit und Pfarrer Kneipp bei Bluterkrankungen. Die Mistel ist bis heute ein altbewährtes Heilmittel, welches eine schmerzstillende Wirkung gegen Kopf- und Gliederschmerzen, Migräne und wetterabhängige Kopfschmerzen hat. Sie reinigt die Gefäße, beugt Verkalkung vor und senkt den Blutdruck. Bei Anschwellung der Bronchien oder bei Bronchialasthma wirkt die Mistel ebenfalls sehr heilend. In der heutigen Medizin ist die Mistel eingesetzt im Kampf gegen den Krebs.



