< Neckarweihingen in Händen der Narren
22.04.2010 14:00 Alter: 2 yrs
Von: Thomas Faulhaber

Narren regieren am Neckar

Ludwigburger Kreiszeitung am 8. Februar 2010


Publikumsmagnet: In mehreren Reihen stehen die Zuschauer, bejubeln Guggenmusik-Truppen, Narren und Funkenmariechen. Bilder: Alfred Drossel

Publikumsmagnet: In mehreren Reihen stehen die Zuschauer, bejubeln Guggenmusik-Truppen, Narren und Funkenmariechen. Bilder: Alfred Drossel

Gastgeber: Die Mistelhexen.

Gastgeber: Die Mistelhexen.

Hexen-Schabernack: Gefangen im Käfig...

Hexen-Schabernack: Gefangen im Käfig...

Lachen bei jedem Wetter: Die farbenfrohen Clowns.

Lachen bei jedem Wetter: Die farbenfrohen Clowns.

Der Fasnetumzug der Mistelhexen zauberte den Ballermann an den Neckarstand. Party pur bei Fetenschlagern. Live von den Gugga oder aus der Konserve. Und die Narren sorgten für die Farbtupfer im Nebelgrau. 2000 Teilnehmer in fast 70 Gruppen trafen auf gut 20 000 Besucher am Straßenrand.

Hexen haben zwei Gesichter: Sie können ja sooo lieb sein – aber nur zu allem, was kürzer als ein Meter ist. Den Kleinen werden die Lutscher zärtlich in die Hände gelegt. Wer größer ist, lebt gefährlich. Das Beuteschema freilich ist bei allen gleich: Jung, weiblich, unwillig muss das Opfer sein. Besonders beliebt: Die wuschelige Kopfwäsche mit Konfetti-Shampoo.Schwupps, da ist die Mütze weg. Professioneller Schabernack arbeitet paarweise mit Tricks: Vorne wird abgelenkt und von hinten stibitzt. Oder die Beine schnell mit Frischhaltefolie umwickelt.„Es gibt Kaffee und Kuchen“, jubelt eine Gruppe und steigt ungeniert durch das offene Küchenfenster in ein Haus ein. Manche Anwohner haben die Rollläden runter, die anderen machen den Gartenzaun zum Parkett, den Balkon zur Loge. Dort gibt’s dann Prickelwasser unter Freunden.Der lila Lanz ist eine echte Netzhautpeitsche. Mit dem ehrwürdigen Schlepper ist der Bosselclub aus Stuttgart-Mühlhausen unterwegs. Das Distanzkegeln ist ein „Fischkopf-Import“, wie Peter Gleich erklärt. So wichtig wie die Technik ist das Schmieren der Spieler: Und zwar mit allem, was flüssig ist.

Närrisches Blaublut liebt es „oben ohne“. Die meisten Prinzessinnen sind im Cabrio unterwegs. Nur Miriana I. der Schwarzen Störche aus Stuttgart sitzt in einer original Rikscha. Zwei Vasallen wechseln sich beim Strampeln ab. Die anderen schmeißen zentnerweise Bonbons und Popcorn in die Menge. Sie und ihr Gefolge dagegen 2500 Päckchen Papiertaschentücher. Die sind bei so einem Schmuddelwetter richtig begehrt.
Fuchsschwanz und Fohlenschweif kitzeln am Ohr und besorgen Nackenschauer. Die Feuerbacher lassen nach Würstchen an der Leine schnappen. Kreischend weichen die Mädels den Schlägen mit der Saublase aus, und wer sich aus der Spritze der Niederbühler Feuerteufel füttern ließ, der hat das Gesicht verzogen: Meerrettich – unverdünnt.
Eine alte Sitzbadewanne aus Zink wurde zum Narrenkreisel umfunktioniert. „Jetzt ist mir erst recht dormelig“, bewertete eine Testperson die Rotation um den eigenen Nabel.
Rund 800 Stunden Arbeit stecken in der „NDL“ – der neuen Narrendrehleiter von der Feuerwehr aus Poppenweiler. Premiere hatte der Prototyp beim Neckarweihinger Fasnetumzug der Mistelhexen.
Mit den Rufen „Poli-Zei“ und „Tatü-Tata“ wurden die Freunde und Helfer begrüßt. Vielleicht gibt’s nächstes Jahr dann auch „De-ErKa“ und „TeHa-We“. Denn auch die haben dafür gesorgt, dass die ganze Narretei recht reibungslos über die Bühne ging.

Närrische Notizen

So ein Fasnetumzug ist ein paar Stunden gelaufen. Die Vorarbeiten dazu gehen jedoch über Wochen und Monate. „Schon im Juni werden 200 bis 300 Gruppen angeschrieben“, sagt Ehrenvorsitzender der Mistelhexen Hermann Bartsch. Ab November beginnt die heiße Phase, damit das ganze Drumherum stimmt. Etwa 30 Leute im harten Kern organisieren. Über 100 sind am „Tag X“ im Einsatz.
*
Ein gutes Dutzend Stände säumen die Narrenmeile vom Industriegebiet bis zur Neckarweihinger Festhalle. Damit was „oben“ reinkommt, nicht wild entsorgt wird, sind 15 mobile „Örtchen“ aufgebaut. Gaststätten und Feuerwehr machen zusätzlich einen auf „nette Toilette“.
*
Der gebürtige Oberpfälzer und jetzige Bürgermeister Konrad Seigfried wurde als Beigeordneter in St. Augustin im Rheinland karnevalistisch sozialisiert. „17 Jahre lang 30 bis 40 Termine pro Session, das prägt“, sagt er. Um die acht unterschiedliche Outfits hat er im Keller. Dieses Mal hat er sich für „Prinz Eduard“ entschieden – mit blauem Rock und weißer Perücke. (tf)